Der Vogelknöterich

Ein slavisches Märchen erzählt: Einst machte sich in aller Frühe eine alte Hexe auf und zog ins Hochgebirge, um dort zu hexen und allerlei Kräuter zu sammeln. Gegen Mittag trat sie den Heimweg an und begegnete dem Vogelknöterich, der hastig ins Gebirge flüchtete. Die Hexe frage ihn: "Ei, wohin, Vögelein? Was für Ungemach treibt dich auf diesen rauhen Pfade?" Der Vogelknöterich antwortete: " Ach, Mütterchen, da unten geht's nicht mehr. So oft der Bauer gräbt oder umgräbt, so jätet er zugleich nach besten Kräften. Da würgt, reißt und schindet er mich, sucht mich zu entwurzeln, und da heißt's fliehen, um ein Ruheplätzchen ausfindig zu machen, wo ich in Frieden gedeihen und mich vermehren könnte." Da meinte die Hexe: "Vöglein, auf und zurück in die Heimt! Merkt dir's: wo man viel gräbt, umgräbt und jätet, da gedeiht alles besser, und die Wurzeln können sich besser ausbreiten. Sagt doch das Sprichwort: Weh dem Ding, das nicht gehegt wird!" Der Knöterich kehrte um, und seit dieser Zeit findet man ihn auf Äckern und Wiesen, in Weinpflanzungen und Gärten, kurz überall, wo man ihn nicht haben will, und es fällt schwer, ihn gründlich auszurotten."



Der Vögelknöterich ist wirklich eine der verbreitesten Pflanzen, und gewiss ist unter meinen Lesern kein einziger, dessen Fuß nicht hundertmal auf das niedrige Kraut getreten hätte! Denn wenn auch der Landmann sich bemüht, ihm auf Äckern und Tresten den Platz möglichst streitig zu machen, so macht er sich doch um so mehr breit auf Feldwegen, auf wenig begangenen Stellen der Landstraßen, ja zwischen den Pflastersteinen stiller Stadtviertel. Er liebt die Gesellschaft von seinesgleichen und nimmt oft auch weite Strecken die Alleinherrschaft für sich in Anspruch. Mit feinen dünnen, fast fadenförmigen Stengeln, die 30 bis 60 Zentimeter lang sind, legt er sich flach auf den Boden und breitet sich unter starker Verzweigung nach allen Richtungen aus. Er weiß sich auch den Raumverhältnissen etwas anzupassen; Wo der Platz die allseitige Ausbreitung nicht gestattet, z.B. zwischen Gras und Getreide, ist eine Anzahl feiner Stengel aufwärts gerichet, aber gewöhnlich auch dann am Grunde von einem Kranze ebenso langer kriechender Triebe umgeben. Die kleinen länglich runden Blättchen, die in wechselnder Stellung den Stengel ziemlich stark belauben, laufen an beiden Enden spitz zu; von einem Stielchen kann man kaum bei ihnen reden und bezeichnet sie deshalb als sitzend; mit ihrer flachen Seite schmiegen sie sich an den Boden an. Die meisten sind bläulich grün; einzelne erscheinen rötlich angelaufen. Am Grunde sitzen ganz kurze weißliche, trockenhäutige Rebenblättchen, die den Stengel tütenförmig umfassen und silberartig glänzen; sie sind gespalten und am Rande zerschlitzt. Aus den Blattwinkel sprossen unscheinbare, winzige Blüten hervor. Auf ihren kurzen Stielchen stehen sie im Sträußchen zu zweit bis fünf beisammen; fast in allen Blattwinkeln sind sie anzutreffen. Der Blumenblattkreis, Perigon genannt, hat fünf stumpfe Zipfel, die im Innern grün und am Rande purpurfarbig oder weiß sind. Linné reihte den Vogelnköterich seiner achten Klasse ein, weil die Blütchen acht freie Staubgefäße enthalten. Der Fruchtknoten ist gleich der daraus sich entwickelnden Frucht dreiknotig und trägt oben drei kurze Griffel. Die Frucht wird Nüsschen genannt. Sie ist von brauner Farbe, nicht glänzend und fein gefurcht oder gekörnelt. Sie enthält einen Samen. Die Samenkörnlein bleiben leicht an des Wanderers Füßen hängen, und so mag der Mensch unbewusst zur Verbreitung gerade auf Wegen und Pfaden viel beitragen. Schon den alten Deutschen muss diese Eigenschaft des Vogelknöterichs, sich gleichsam an die Fußspuren des Menschen zu heften, aufgefallen sein; denn sei nannten das Pflänzchen sporigras = Spurgras. Die zahlreich an dem vielfach verzweigten Gewächs vorhandenen Blüten lassen auf außerordentlich große Fruchtbarkeit schließen. Die Samen dienen nicht nur zur Erhaltung der Art, sondern sind auch bei den Vögeln sehr beliebt, wenn im Herbste die Nahrung anfängt, knapp zu werden. Dies liegt ja im Namen schon angedeutet. Die Bezeichnung Knöterich nimmt auf die vielen Knoten bezug, die sich an den Stengeln vorfinden. Ähnlich verhält es sich mit der botanischen Benennung.
Als Arzneimittel war der Vogelknöterich in älterer Zeit sehr angesehen. In unseren Tagen hat Pfarrer Kneipp ihn wieder warm empfohlen. Er schreibt unter anderem: "Der Wegtritt - so nennt Kneipp den Vogelknöterich - leistet bei Steinbeschwerden und Leiden der Nieren und Blase vorzügliche Dienste. Er zerteilt die Steine und entfernt sie. Wenn jemand Kolik hat, so soll er eine Tasse Tee von diesem Kraut nehmen, so warm er sie vertragen kann, und sogleich wird dieselbe nachlassen. Wenn jemand etwas genossen hat, was der Magen nicht verdauen kann, so bringt eine Tasse Wegtritttee den verdorbenen Magen wiederum in die richtige Gleichgewichtslage. Bei veralteten, übelriechenden Geschwüren bringt es die herrlichsten äwirkungen hervor, wenn man solche Wunden mit einer Abkochung der Pflanze auswäscht."
Man sammelt das Kraut in den Sommermonaten.



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