Die Schafgarbe

Jedem sind gewiss am Wegrande schon die dichten Büschel feinzerschlitzter Blätter aufgefallen, aus denen im Sommer 30 Zentimeter hohe, meist einfach Stengel hervorragen, die mit ähnlich gestalten Blättchen in wechselnder Stellung besetzt sind und zahlreiche weißliche Blützen, an der Spitze zu einem Strauße vereinigt, emporheben.



Die fromme Sage weiß von dem anmutigen Gewächs, das sich im Volke bei alt und jung großer Beliebtheit erfreut, folgendes zu berichten: "Einst saß der Knabe Jesus auf der Schwelle seines elterlichen Hauses zu Nazareth und hatte eine Schale Milch auf den Knien. Da sprang ein ungezogener Bube mit einem bräunlich blühenden Blumenreife in der Hand herzu und schlug damit in das Schüsselchen, dass alle Milch herauspritzte. Dann eilte er lachend davon. Nach einer Weile aber senkte sich zufällig sein Blick auf den Zweig in seiner Hand, und er war nicht wenig erstaunt, denselben in eine milchweiß blühende Doldenpflanze verwandelt zu sehen. Voll Scham und Reue riss er nun gedankenlos an den Blättern herum und eilte heim, um der Mutter die ganze Begebenheit zu erzählen. Doch wie er ihr das Kraut zeigen wollte, da war wieder ein neues Wunder damit geschehen: alle Blätter waren fein gefiedert! Die Mutter befahl ihm, dem Jesuskinde eine andere Milch zu bringen und nicht wiederzukommen, ehe er Verzeihung erlangt hätte; das wunderbare Kraut möge er auch mitnehmen und zeigen.
Gern wurde dem Knaben vergeben: die Mutter Jesu aber sprach ernst zu ihm: "Stecke die Pflanze in die Erde; sie wird dort weiter wachsen und dir noch lange Jahre hindurch eine Erinnerung an meinen Sohn sein. Möge sie dich aber auch immer an deine Tat und deine Reue mahnen und dir stets ins Gedächtnis rufen, dass man kein Kinderherz betrüben, sondern nur erfreuen soll."

Wer kann sich da noch wundern, was für zierliche Gebilde die Blätter geworden sind! Im Umrisse von langgestreckter, fast linealischer Form sind sie hundertfach zerschnitten in zarte Fiederchen, die bis zur Mittelrippe hinabreichen. Jedes Fiederchen ist wiederum an beiden Seiten sägeartig ausgezackt, und die äußersten Zipfelchen tragen feine Stachelspitzchen. Die Mittelrippe des Blattes ist zwischen den Fiederchen nicht gezähnt, höchstens nach der Spitze hin ein wenig.
Wegen der zahlreichen Fiederblättchen ist der botanische Name millefolium = Tausendblatt gewählt worden. Die gerippte Gestalt der Blätter, sowie der Umstand, dass diese gern von den Schafen verzerhrt werden, haben der Pflanze die Volkstümliche Bezeichnung "Schafsrippchen" eingetragen. Das Wort "Garbe" bezieht sich vielleicht auf die Blüten, die alle oben beisammen stehen, gleichsam wie die Ähren einer Garbe mit den Halmen zusammengebunden.
Obgleich die Blümchen oben in ziemlich gleicher Höhe stehen und einen flachen Schirm bilden, sind doch die Stiele sehr ungleichmäßig lang; sie entspringen aus verschiedenen Punkten des Stengels in den Blattwinkeln und verzweigen sich besonders reich in ihrem oberen Teile. Jedes einzelne Blütchen ist unscheinbar und würde kaum die Augen der Insekten auf sich ziehen; weil die Blümchen aber so dichtgedrängt und zahlreich nebeneinanderstehen, werden die Blütenschirme auffällig und weithin sichtbar. Sie werden häufig vom Kronenkäfer besucht. Dieser wirkt mit seinen Fühlern und Fresswerkzeugen auf den feinen Blütenstaub gleichsam wie ein Federwisch; denn die Zunge trägt winzige Haarbüschel wie auch die mittleren Fühlerglieder, die zudem etwas erweitert sind. Der Blütenstaub fängt sich in den Häärchen und wird so durch das Insekt von Blume zu Blume verschleppt. Die Blümchen bilden nahezu eirunde Köpfchen d.h. in einem gemeinsamen Hüllkelche stehen zweierlei Blüten, nach ihrer Stellung Rand- und Scheibenblüten genannt. Letztere, die den Boden des Kelches (den Blütenboden oder die Blütenscheibe) einnehmen, stellen kleine Röhrchen dar mit fünfzähnigem Saume. So winzig sie uns auch erscheinen mögen, sie bieten gleichwohl in ihrem Innern genügend Raum für einen Stempel mit zwei zurückgekrümmten Narben und für fünf Staubfäden, die mit ihren Beutelchen verwachsen sind. Die Randblütchen, meist von weißer, zuweilen auch von rötlicher Farbe, sind gewöhnlich zu fünf vorhanden. Sie sind zungenförmig und haben einen rundlichen Saum. Staubgefäße und stempel sucht man in ihnen vergelich; sie sind mithin nicht imstande, Früchte hervorzubringen, leisten aber dennoch der Blume einen sehr wichtigen Dienst, denn sie sind es gerade, die den Blütenstand auffällig machen, und dienen so gleichsam als Aushängeschild zur Anlockung der geflügelten Gäste. Die grünen Blättchen der Blütenhülle sind dachziegelförmig angeordnet. Die Früchtchen sind ganz länglich, ein wenig zusammengedrückt und von feinen Streifen überzogen. Einen Haarkelch, wie z.B. die Samen des Löwenzahns ihn aufweisen, haben sie nicht.
Wo die Schafgarbe sich einmal angesiedelt hat, da sproßt sie alljährlich aus dem Wurzelstock immer wieder von neuem hervor, und das frische Kraut prangt in wohltuendem Gegensatz zu den abgestorbenen Stengeln des Vorjahres, die die Winterstürme nicht alle fortzufegen vermöchten.

Auf unsere Geschmacksnerven wirken die Blätter falzig bitter und zusammenziehend; auch die Blüten sind bitter, riechen aber nicht unangenehm.

Nach dem Berichte des alten Naturforschers Plinius endeckte ein Arzt namens Achilles, der ein Schüler des berühtem Zentauren Zhiron war, die Heilkraft dieser Pflanze gegen Wunden und heilte damit einen Bekannten, der sich mit seinem eigenen Schwerte verwundet hatte. Nach diesem Arzte ist der wissenschaftliche Name Achillea gebildet.

Frische Blätter wirken zerquetscht heilsam auf Geschwüre und dienen darum als zerteilende Umschläge. Mit Honig gemischter Schafgarbentee wird gegen Influenza empfohlen. Er wird bereitet, indem man Kraut und Blüten mit heißem Wasser übergießt und etwas ziehen lässt. Täglich mehrmals nimmt man davon eine halbe Tasse. Junge, zarte Blättchen kann man mit dem Butterbrot essen oder wie Petersilie als Suppenkraut verwenden.

Die Blütezeit, mithin auch die Zeit zum Trocknen der Blüten, reicht von Juni bis September.



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